Vater - Tochter Wochenende im Harz - oder wie man Rocker zähmt
„Du siehst zum Fürchten aus“, Susanne, die beste Ehefrau von allen, verabschiedet sich am Morgen von mir, „und wie ein Igel fühlst du dich auch noch an“. „Ich wünsche euch viel Spaß“. Drei Tage habe ich mich schon nicht mehr rasiert. Ein ordentlicher Biker sieht eben zum Fürchten aus. Juliane poltert die Treppen herunter, „keine Zeit, tschüss“, drückt mir einen Kuss auf die Wange, „iiieeh, da kann man ja gleich ein Stachelschwein knutschen“, dann schwingt sie sich auf ihr Fahrrad und ist verschwunden. Mein, „aber ich habe uns doch Frühstück gemacht“, verhallt ungehört. Also frühstücke ich alleine. So geht es bei uns häufiger zu. Und daher genießen wir die seltenen Gelegenheiten, die sich für gemeinsame Touren bieten. Juliane möchte mit mir in den Harz und wieder zelten. Also habe ich ein leichtgewichtiges Zelt mit Stehhöhe und zwei Schlafkabinen gekauft. Ich belade die Maschinen. Julianes 125er Varadero (Emma) muss nur den kleinen Tankrucksack und eine leichte Tasche tragen. Die großen Gewichte werden Bertl, meiner Deauville aufgebürdet. [attach]8672[/attach] Schnell noch ein paar Vorbereitungen für die nächste Woche und schon stürmt der Wirbelwind wieder durch die Tür. „Wieso bist du schon wieder hier?“ „Hab schnell die Deutschklausur aufs Blatt gehämmert und mich dann verpieselt. Super was? Jetzt können wir früher losfahren.“ „Deutschklausur? Davon wusste ich gar nichts.“ „Reg dich nicht auf Papa, davon verstehst du sowieso nichts. Deutsch ist easy going.“ Nun denn. Jetzt weiß ich’s auch.
In Breitenfelde wird noch getankt, dann ab Richtung Braunschweig. Das Navi ist ausgeschaltet. Die Strecke fahre ich im Schlaf. Wir kommen gut voran. Die kleine Vara tut sich natürlich schwer beim Überholen, aber die Fahrer der dicken Brummis haben Verständnis und machen Platz sobald möglich. Sobald Juliane überholt hat, sehen sie den blonden Zopf auf der Bikerjacke flattern. Das wiederum löst häufig ein fröhliches Hupkonzert aus. An den Ampeln ertönen Pfiffe. Vater nimmt es gelassen hin. Die Jungs da oben haben auch kein leichtes Leben. Braunschweig ist in flotter Fahrt erreicht, der übliche Stau auf der Umgehung und schon sind wir auf der Autobahn Richtung Harzburg. Bertl zeigt 120 km/h und die Vara hängt immer noch hinter mir. Unglaublich. An der ersten größeren Steigung fällt sie langsam ab. Ich reduziere auf 110 und schon hängt sie mir wieder am Auspuff.
Campingplatz Osterode, nicht mehr so ganz zeitgemäß, aber die netten Besitzer gleichen diese Lücke mit ihrer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aus. Das neue Zelt ist blitzschnell aufgebaut. [attach]8673[/attach] Nur die Heringe gehen nicht überall in den harten Boden. Ein Niederländer hilft mit entsprechenden Heringen aus. Ganz begeistert auf einen Deutschen zu treffen, der seine Sprache recht ordentlich beherrscht. Dann fahren wir nach Osterode zu einem Griechen. Satt und zufrieden begeben wir uns auf die Luftmatratzen. Die kleine Campingplatzkneipe ist nur 30 m von unserem Zelt entfernt. Es wird sehr lebhaft. Ich stopfe mir die Hörer meines mp3 Player in die Ohren und schlafe mit den drei Tenören ein.
„Frühstück gibt es nur auf Vorbestellung. Leider können wir ihnen nur einen Kaffee anbieten“. Wir haben hervorragend geschlafen, die Duschen waren schön warm und sauber, unsere Laune ist durch solche Kleinigkeiten nicht zu trüben. Juliane holt den Kaffee, ich suche einen freien Tisch. Plötzlich ist meine rechte Schulter unter einer Riesenpranke verschwunden. Das kommt davon, wenn man im Urlaub keine Nachrichten hört, sonst wüsste ich, dass in Hannover ein Gorilla aus dem Zoo entlaufen ist. Die Pranke reicht von meinem Schulterblatt bis zur Brust. Vorsichtig drehe ich mich in Richtung Pranke. Kein Gorilla. Ein Tattoo. Geschmückt von Piercings und in ledernen Bikerklamotten. „Hey Alter, du hass ne BMW Visage. Fährst du ne BMW ? “ „Nee“. Meine Schulter beginnt langsam knackende Geräusche von sich zu geben. Lange wird sie dem Druck nicht mehr standhalten. Aber das Tattoo ist mindestens einsneunzig hoch, zweizehn breit und wiegt zweieinhalb Zentner. So kommt es mir jedenfalls vor. „Ich fahre eine Honda Deauville und meine Tochter eine Varadero. Die ist auch von Honda.“ „Kenn ich nicht. Was is’n das?“ Ein sitzendes Tattoo meldet sich jetzt zu Wort. „Iss nich ne BMW.“ Der Druck verstärkt sich noch. „Wirklich keine BMW?“ „Nein, wirklich nicht. BMW’s grüße ich nicht mal.“ Meine Freunde auf BMW’s mögen mir jetzt verzeihen. Es war nackter Überlebenswille der mich zum Judas an euch hat werden lassen. „O.k. Du bist in Ordnung. Setz dich.“ Er drückt mich auf den freien Stuhl und ich bete inständig, dass die Stuhlbeine nachgeben, bevor meine Schulter bricht. Doch dann lässt er mich los und lässt sich krachend auf seinen Stuhl fallen. Ein drittes Tattoo starrt wortlos vor sich hin und nuckelt schmatzend an seinem Bier. Es ist 7.30 Uhr. „Wills’n Bier?“ „Nein danke, ich trinke lieber meinen Kaffee.“ „Deine Tochter noch zu haben?“ Juliane setzt sich gerade neben mich. Jetzt hilft nur noch die Flucht nach vorne. „Ja, ist sie. Aber sie wird in einigen Monaten studieren. Weißt du was ein Studium kostet? Dann ist nix mehr mit Harley. Die kannst du dann verkaufen. Die reicht gerade einmal für die ersten zwei Semester.“ Recht kess meine Lippe. Aber schließlich sehe ich ja auch zum Fürchten aus. Das Tattoo verfällt in nachdenkliches Schweigen. „Hasse wohl Recht Alter. Behalt se. Brauch meine Harley.“ Wir trinken unseren Kaffee und verabschieden uns.
Via Braunlage fahren wir Richtung Thale. Juliane möchte den Hexentanzplatz wiedersehen. Die Motorradkarte von Feinkost Albrecht leistet gute Dienste. Der Rappbode Stausee ist eindruckerweckend und wir beschließen, auf dem Rückweg dort einen Stop einzulegen. „Papa, der Hexentanzplatz war doch viel größer.“ „Nein, du warst viel kleiner.“ [attach]8674[/attach] [attach]8675[/attach] An den Klippen [attach]8676[/attach] hinter dem Hexentanzplatz stürzen wir symbolisch Gundel, Eddies Hexenschuss, von den Klippen. Der Ausblick von hier oben ist einmalig. Ein Klönsnack mit Bikern aus unserer Region dauert auch noch seine Zeit und wir geben ihnen einige Tipps, die sie dankbar annehmen. Dann geht es weiter nach Quedlinburg. Eine schöne alte Stadt. Wir suchen Parkplätze für unsere Maschinen und das ist bei dem Kopfsteinpflaster nicht so ganz einfach. Wo immer wir sie abstellen wollen, drohen sie umzukippen. Endlich werden wir fündig. Wir erkunden die Stadt. Es lohnt sich. Das Salfeld Palais am Kornmarkt 5 und 6, vollständig saniert, darf auch von innen besichtigt werden. Das Gebäude ist wirklich sehenswert und beeindruckend. Ebenso das Rathaus [attach]8677[/attach] und die Marktkirche, für die wir uns reichlich Zeit nehmen. Quedlinburg werde ich sicher noch einmal besuchen. Leider rankt sich immer noch zu viel Arbeit um das bisschen Freizeit.
Unsere Maschinen finden wir wohlbehalten wieder vor und machen uns langsam auf den Rückweg. Wie besprochen machen wir einen Stopp am Rappbode Stausee. [attach]8678[/attach] Sieht wirklich toll aus. Ein langgezogener Tunnel reizt einige Biker immer wieder zum Gasgeben. Es dröhnt so extrem laut, dass man sich die Ohren zuhalten muss. Einige Motorräder sehen wir mehrmals. Scheint hier eine Art Sport zu sein. Bauzeit der Talsperre von 1936 bis 1959. Eine Errungenschaft der Deutschen Demokratischen Republik. Ein Großbau des Sozialismus steht in großen Lettern am Tunneleingang. Wusste noch gar nicht, das die DDR bereits 1936 bestand. So schmückt man sich mit fremden Federn. Und man schmückt sich zu allem Überfluss auch noch mit Federn einer Vergangenheit, die es besser nie gegeben hätte. Diktaturen unter sich. Verlassen wir das Thema lieber ganz schnell.
Osterode ist zügig wieder erreicht. Gegessen wird heute aus dem Seitenkoffer von Bertl. Wir haben keine Lust mehr auf Gastronomie. Besonders schmackhaft – Käsefondue a la Deauville. Der Käse, den wir zwischenzeitlich bei Film und Foto Lidl gekauft haben, hat sich stark verflüssigt. Die Rocker sitzen wieder am Tisch. Oder sitzen sie dort immer noch? Sie haben sich in der Zwischenzeit stark vermehrt. Mindestens dreißig oder vierzig schätze ich. Wir kriechen lieber in die Schlafsäcke, lesen, lesen uns gegenseitig interessantes vor, und wir kommen endlich einmal dazu in Ruhe und ohne Zeitdruck miteinander zu reden. Spät in der Nacht werden wir wach. Ein Mädchen aus der Rockergruppe singt mit einer wundervollen Stimme. Wir stehen auf und gehen hinüber um ihr zuzuhören. Einer der harten Jungs spielt Gitarre und es wird gemeinsam gesungen. Die harten Jungs singen und werden butterweich. Töchterchen warnt mich vor. „Du wirst keine Lieder der Hanseaten Tourer singen. Und .. weine nicht, wenn du ne Harley fährst.. schon gar nicht. Also halt die Klappe und hör zu, wenn du den Abend überleben willst.“ Das war deutlich.
Wir setzen uns mit unserem Kaffee gleich zu ihnen. Die drei Tattoos sitzen immer noch da. Mein Handy klingelt. Die beste Ehefrau von allen ist bereits in der Nähe von Delmenhorst und hat sich eine 600er Fazer gekauft. Ihre Shadow fordert sie nicht mehr. So ist das mit den emanzipierten Frauen. Aber ich freue mich darüber. Wer kann schon von sich behaupten, gleich zwei bikende Mädels im Hause zu haben. Ein gemeinsames Hobby ist doch was tolles. Begeistert erzähle ich es den drei Tattoos. „Fazer? Iss das ne BMW?“ „Nee, ne Yamaha“, sagt das andere Tattoo. „Hasse aber Glück gehabt, Alter.“ Wie immer wir auf das Thema unserer Fahrt nach Weimar kamen, ich erinnere mich nicht mehr. Aber ich erzähle den Tattoos plötzlich von der Anna Amalia Bibliothek, von Goethe und von Schiller, und sie hören voller Interesse zu. Na, ja, zwei von ihnen. Der dritte nuckelt schon wieder schmatzend an der Bierflasche. „Booaah, bist du schlau. Das kann man doch alles gar nicht im Kopf behalten“, sagt das Gorilla Tattoo. „Los, erzähl mehr. Das interessiert mich.“ Und so referiere ich über Weimar, Erfurt und die Wartburg in Eisenach. Das schweigsame Tattoo stellt die Bierflasche krachend auf den Tisch. „Gibt’s da auch’n Puff?“
Wir fahren nach St. Andreasberg. Juliane wollte das Städtchen einmal ohne Schnee sehen. Und dann fahren wir alles ab, was der Westharz zu bieten hat. Bad Lauterberg, Bad Sachsa, Braunlage, Torfhaus, Altenau, Radauer Wasserfall, Bad Harzburg und Goslar. In Goslar besuchen wir selbstverständlich die Kaiserpfalz, [attach]8679[/attach] [attach]8680[/attach] bummeln über den Marktplatz und genehmigen uns ein Eis. Dann setzen wir uns in ein Straßencafe. „Darf ich die Getränkekarte sehen?“ Die Kellnerin sieht mich entgeistert an. „Gibt’s nicht. Kann ihnen so sagen was wir haben. Also – wir haben Köstritzer ....“. „Entschuldigen sie, dass ich sie unterbreche, aber wir trinken keinen Alkohol. Und auch kein Bier.“ „Dann hätten wir noch Budweiser .....“ „Hallo! Keinen Alkohol.“ „Ja, dann kann ich ihnen noch Jever....“ Jetzt platzt mir der Kragen. „Danke, es reicht. Auf Wiedersehen.“
Weiter geht es. Auerhahn, Clausthal und Kurven, Kurven, Kurven. Wir haben einen Riesenspaß. Und wieder gibt es Käsefondue aus dem Seitenkoffer. Wir unterhalten uns noch ein wenig, aber kurze Zeit später antwortet Juliane nicht mehr und auch ich schlafe schnell ein. Das Gegröle aus der Kneipe höre ich schon nicht mehr.
Unser letzter Tag bricht an. Es geht wieder in Richtung Heimat. Wir verabschieden uns von unseren liebgewonnenen Tattoos, die immer noch dort sitzen. Ein Abstecher zum Torfhaus. Ein kurzer Klönsnack mit anderen Bikern [attach]8681[/attach] und weiter nach Braunschweig. Ich will Juliane das Schloss zeigen, das sich Susanne und ich schon angesehen haben. Noch ein Eis, dann ab nach Hause.
Laut hupend fahren wir vor die Tür. Susanne erwartet uns schon mit einem köstlichen Essen und einem herrlichen Rotwein. „Geh dich rasieren. Du siehst ja zum Fürchten aus.“ „Richtig. Aber lange nicht so, wie unsere drei neuen Freunde.“
Gruß
Juliane und Walter
Ich bin Fahrer, nicht Putzer - baiku de ikimasu ga daisuki desu!
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